Ich wurde kürzlich vom Kollegen Terhardt aus der STIKO aufgefordert, zur Kritik von Jan Oude-Aost (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften GWUP) an meinem Buch „Impfen Pro und Contra“ Stellung zu nehmen. Hier meine Antwort:

Sehr geehrter Herr Kollege Terhardt,
Sie haben mich aufgefordert, inhaltlich zur Kritik von Jan Oude-Aost/GWUP an meinem Buch „Impfen Pro und Contra“ Stellung zu nehmen. Ich möchte vorausschicken, dass ich Herrn Oude-Aost für seine Arbeit nicht undankbar bin. Er gibt mir einige Hinweise, wie ich das Buch noch verbessern kann.

Was „Impfen Pro und Contra“ aber bei aller sachlicher und unsachlicher Kritik nie sein wird: Eine STIKO-Impffibel. Die STIKO hat in der Vergangenheit jeden Impfstoff, der auf den Markt kam, umgehend in die öffentliche Impfempfehlung eingearbeitet. Der langjährige STIKO-Vorsitzende H.J. Schmitt war ein Pharmalobbyist. Seine Ägide ist der Grund dafür, dass kein anderes Land in Europa seine Bevölkerung früher, mehr und öfter impft als Deutschland. Und seine Ägide hat dazu geführt, dass viele Eltern gegenüber den Impfempfehlungen misstrauisch sind.

Erst in jüngerer Zeit ist die STIKO vorsichtiger geworden, hat Methoden entwickelt, die Impfempfehlungen auf eine breitere wissenschaftliche Grundlage zu stellen, und mit dem Meningokokken B-Impfstoff ist jetzt erstmals ein Impfstoff nicht umgehend in den Kinder-Impfkalender aufgenommen worden. Dennoch: Jahr für Jahr werden die Empfehlungen erweitert, und sie werden immer komplizierter.

Meiner bescheidenen Ansicht nach wäre, um das Vertrauen in die STIKO und Impfungen zu verbessern, Folgendes dringend notwendig:

  • eine Aufarbeitung und Überprüfung der Impfempfehlungen aus den Jahren 2000 – 2015 (Hepatitis B für Kinder, Pneumokokken, Meningokokken C, Windpocken, Rotaviren, HPV),
  • eine Überprüfung der Häufigkeit von Impfungen (Säuglingsimpfungen 4x? Tetanus-Impfung für Erwachsene alle 10 Jahre?),
  • eine Überprüfung des Impfzeitpunkts bei Säuglingen incl. Förderung von Studien zum diesem Thema: Sind Kinder, die später (etwa mit 6 oder 12 Monaten) geimpft werden, vielleicht gesünder als Kinder, die schon mit 8 Wochen geimpft werden? Wie bedeutsam sind die  Aaby’schen unspezifischen Impfwirkungen in einem reichen Land wie Deutschland?
  • ein Priorisierungssystem wie etwa in der Schweiz: Welche Impfungen sind besonders wichtig, welche sind zweit- oder drittrangig?
  • eine eindeutige Stellungnahme gegen die geplante Impfpflicht, durch die das Vertrauen in Impfungen und die STIKO-Empfehlungen weiter erodieren wird,
  • eine Aufforderung an die Impfstoffhersteller, Impfstoffe ohne Aluminiumadjuvantien und wieder Einzelimpfstoffe gegen Masern, Mumps, Röteln, Keuchhusten und Diphtherie auf den Markt zu bringen,
  • das Eintreten für eine angemessene Vergütung der Impfberatung.

Ich habe ein gewisses Verständnis für die Zurückhaltung der STIKO, potentielle Risiken von Impfungen zu benennen, etwa die Aluminiumproblematik. Schließlich gibt es außer dem Rotavirus-Impfstoff keine Säuglingsimpfstoffe ohne Aluminiumadjuvantien, und bei einer Produktwarnung würde die STIKO viele Eltern verunsichern. Dennoch gibt es eine ganze Reihe von Autoren und Studien, die da ein Problem sehen.

In meinen Augen ist es recht und billig, dass von außerhalb der STIKO auf dieses und viele andere Probleme hingewiesen wird. Das muss die STIKO schon aushalten. Wie bei vielen anderen gesellschaftlichen Themen wird sich auch hier erst Entscheidendes bewegen, wenn von der Öffentlichkeit Druck ausgeübt wird (die Hersteller könnten, wenn sie wollten, auch Impfstoffe mit alternativen Adjuvantien (etwa Calciumphosphat) oder Auffrischungsimpfstoffe ganz ohne Wirkungsverstärker anbieten).

Nun zu Jan Oude-Aost/GWUP:

  1. Jan Oude-Aost rezensiert ein Buch, das es nicht mehr gibt. Nur ganz wenige Abschnitte seiner Kritik beziehen sich auf die komplett überarbeitete Auflage 2018, die offensichtlich erschienen ist, als er mit seiner Arbeit schon fast fertig war.
  2. Über 80 Prozent der von Oude-Aost kritisierten Zitate sind in der Auflage 2018 nicht mehr enthalten, andere sind abgeändert, keines findet sich unter der von ihm angegebenen Seitenzahl.
  3. Oude-Aost ist Mitglied der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V. (GWUP), die sich als Teil der internationalen Skeptikerbewegung versteht. Der Verein führt unter anderem Kampagnen durch gegen Alternativmedizin und Impfkritik. Er befürwortet dagegen Atomenergie, Gentechnik und Glyphosat. Jährlich vergibt die GWUP den satirischen Negativpreis „Goldenes Brett vorm Kopf“. Eine Sponsorenliste des Vereins wurde bisher nicht veröffentlicht. Das ehemalige Gründungsmitglied Edgar Wunder bezeichnet die GWUP als „Kampfverband gegen alles, was der etablierten Wissenschaft zuwiderlaufe… Andersdenkende  werden pathologisiert. Ihnen wird ein Mangel an kognitiven Fähigkeiten (‚Spinner‘, ‚Dummköpfe‘, ‚geisteskrank‘ usw.) oder kriminelle Absichten unterstellt (‚Betrüger‘, ‚Scharlatane‘ usw.). Damit einher geht nicht selten Repressionsbereitschaft, der Ruf nach den Gerichten, nach dem Staat, nach aggressiven Kampagnen…“.
  4. Jan Oude-Aost glaubt bedingungslos und undifferenziert an die Wissenschaft und an das Impfparadigma. Er schreibt: „Impfen ist effektiv und sicher“ und „Richtige Informationen bedeutet nicht, dass die Informationen zum Ziel haben, Menschen vom Impfen abzuhalten.“ Impfkritiker vergleicht er mit AIDS-Leugnern. Für ihn ist Impfforschung nicht Suche nach der Wahrheit, sondern Bestätigung der Wahrheit, an die er glaubt. Wir wissen ja: Auch in der Wissenschaft hat der Glaube eine große Bedeutung.
  5. Oude-Aosts Stil ist zwar meist sachlich, manchmal aber überheblich („Ich stelle mir die Welt, in der Hirte sich erlebt, ziemlich trostlos vor, wenn seiner Ansicht nach jede/r für ein wenig Geld (und so gut verdienen ForscherInnen auch nicht) oder gar Drittmittel mutwillig Menschen über die Klinge springen lässt.“) und gelegentlich auch herabwürdigend, unterstellend und/oder verunglimpfend: „Er macht jedoch keine Angaben, wie viele tote Kinder im Jahr aus seiner Sicht tolerierbar wären, wenn man auf Impfungen verzichtet“, „Zum anderen ist auch meine Zeit auf diesem Planeten begrenzt und ich möchte nicht zu viel davon Herrn Hirte widmen“, Hirte empfiehlt in der neueren Auflage seines Buches ebenfalls den Konsum dieses besonderen Mineralwassers.“ (damit will er unterstellen, ich bekomme dafür evtl. Geld; ich empfehle nicht „dieses besondere Mineralwasser“, sondern Mineralwässer mit hohem Siliziumanteil), „antiaufklärerisch“, „Typisch für die Unredlichkeit in Hirtes Argumentation ist, …“ , „Hirte geht a priori davon aus, dass Impfungen schweren Schaden anrichten“. Das ist eine Unterstellung. Ich sehe Impfungen nur differenzierter als Oude-Aost (er ist undifferenziert für Impfungen), „Entweder Herr Hirte ist aufrichtig, dann ist er nicht imstande, ein populärwissenschaftliches Buch zum Thema Impfungen zu schreiben. Oder Herr Hirte weiß sehr genau, wie er vorgeht, dann wäre er ein Impfgegner, der im Sinne seines Anliegens Fakten absichtlich falsch darstellt.
  6. Oude-Aost behauptet, ich wäre Anthroposoph. Die Anthroposophie wird von der GWUP mit besonderer Vehemenz bekämpft, und jemanden dort einzuordnen, ist in Szientisten-Kreisen die schlimmste Herabwürdigung. Da wird gleich der ganze Steiner-Zitatenschatz zu Masern geöffnet. Ich kann versichern: Oude-Aost irrt sich. Aber er irrt sich auch darin, dass anthroposophische Ärzte (ja, ich bin mit einigen befreundet) unbelehrbar sind. Man sieht an Oude-Aosts Unterstellung den Fanatismus, mit dem er zu Werke geht. Es riecht förmlich nach Gedankenpolizei. In einem Vortrag auf der SKEPKON-Konferenz Anfang Juni sagt er über mich: „Für mich ist eigentlich schlüssig, dass das die eigentliche Motivation ist, das erklärt auch für mich viele dieser schwammigen Begriffe von Entwicklungsstörung, Reifung….deswegen meine ich, man sollte das Buch eigentlich umbenennen: ‚Impfen Naja und Contra – Rudis spirituelle Impffibel‚“ (er bezieht sich dabei auf Rudolf Steiner).
  7. Oude-Aost erklärt auf dem gleichen SKEPKON-Kongress, er möchte „den Verlag auffordern, das Buch einer grundsätzlich Überarbeitung zu unterziehen“. Das ist Teil der fanatisierten Arbeit der GWUP: öffentliche Kampagnen, um ihre Sicht der Welt durchzusetzen und Andersdenkende zu diffamieren (z.B. Kampagne gegen Forschungsstellen in der Alternativmedizin, Kampagne gegen die Homöopathie, Kampagne gegen den Film „Eingeimpft“ und seinen Regisseur David Sieveking).

Ich erlaube mir, diesen Text auch an die Mitglieder des Vereins Ärzte für individuelle Impfentscheidung zu schicken, und an David Sieveking, den Regisseur von „Eingeimpft“, ebenfalls Opfer eine GWUP-Kampagne.

Mit freundlichem Gruß
Martin Hirte