Das Coronavirus SARS-CoV-2 ist in Europa angekommen. Wir werden nun lernen, mit diesem Virus zu leben. Die Krankheit, die es verursacht – COVID-19 – ist weniger ansteckend als Influenza und nicht gefährlicher als andere Atemwegserkrankungen („Die Sterblichkeitsrate für SARS-CoV-2 unterscheidet sich nicht signifikant von der der üblichen Coronaviren, die in einer französischen Klinik im Rahmen dieser Studie identifiziert wurden„, Roussell 2020). Das Virus trifft jedoch auf eine Bevölkerung, der es – im Gegensatz etwa zur Influenza – immunologisch noch unbekannt ist, und erfasst daher alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen.

Zwischen 82 und 90 Prozent der Infizierten machen die Infektion still durch (Science 16.3.2020). Sie werden in der Regel nicht getestet und sind für einige Tage eine mögliche Ansteckungsquelle. Die routinemäßige Virustestung zur Identifizierung von möglichen Überträgern machen allerdings nur Sinn bei Menschen mit engem Kontakt zu Risikopersonen, etwa AltenpflegerInnen. Andernfalls man müsste die gesamte Bevölkerung alle zwei bis drei Tage testen.

Bei nur 10 bis 18 Prozent der Infizierten kommt es zur manifesten Erkrankung mit Fieber und Husten. Kinder und gesunde Erwachsenen erkranken nur sehr selten schwer. Bei unter 30jährigen liegt die Sterblichkeit von COVID-19 bei Null Prozent. Auch Schwangere und ihre Kinder haben kein erhöhtes Risiko.

Vereinzelte Berichte über gravierende COVID-19-Verläufe bei jüngeren Menschen sind kein Argument für Ausgangssperren: Allein an Influenza sterben in Europa jährlich mehrere Tausend Patienten unter 65 Jahren (Rabe 2020).

Alte Menschen und Menschen mit gravierenden gesundheitlichen Problemen haben ein höheres Risiko für bedrohliche Krankheitsverläufe – ähnlich wie nach einer Ansteckung mit Influenzaviren oder anderen Coronaviren. Prof. John Ioannidis, einer der weltweit führenden Gesundheitswissenschaftler, rechnet vor, dass Coronaviren jedes Jahr für Millionen von Atemwegsinfektionen verantwortlich sind, die seit jeher bei bis zu acht Prozent der vorerkrankten älteren Menschen tödlich enden (Statnews 17.3.2020). Diese Risikogruppe muss möglichst vor einer Ansteckung geschützt werden – wobei sich auf längere Sicht die Frage stellt: Wollen Großeltern wirklich monatelang ihre Kinder oder Enkelkinder nicht mehr sehen?

Die angeblich hohe Sterblichkeit von COVID-19 in China (Wuhan) und Oberitalien wurde inzwischen relativiert (z.B. im Corriere de la Sera). Sie wurde aus dem Sterberisiko der Menschen berechnet, die schwer erkrankt waren oder in ein Krankenhaus aufgenommen wurden, und war daher eine maßlose Überschätzung, die viele Menschen aufgeschreckt hat.

Das tatsächliche Risiko, an einer SARS-CoV2-Infektion zu sterben, wird von japanischen Wissenschaftlern, die den Ausbruch in Wuhan/China untersuchten, mit 0,04 bis 0,12 Prozent angegeben (Mizumoto 2020). Auch dies könnte noch zu hoch gegriffen sein, da als „Corona-Tote“ auch Menschen in die Statistiken eingehen, die an einer anderen Krankheit gestorben sind, aber zufällig einen positiven SARS-CoV2-Test hatten.

Das Besondere an der Krankheitswelle durch SARS-CoV2 ist: Wenn eine große Zahl alter Menschen innerhalb von wenigen Wochen schwer erkrankt, könnte das Gesundheitssystem übermäßig strapaziert werden. Es gilt zu verhindern, dass Menschen sterben, weil sie nicht mehr versorgt werden können. Daher rührt die gegenwärtig verfolgte Strategie, durch Ausdünnen der Kontakte die Infektionswelle in die Länge zu ziehen – in der Hoffnung, dass es irgendwann Behandlungsoptionen oder eine wirksame (und hoffentlich auch verträgliche) Impfung gibt. Das deutsche Gesundheitssystem ist allerdings aktuell noch weit von der Belastungsgrenze entfernt (Hockertz 25.3.2020, Deutsches Ärzteblatt).

Es ist sowieso fraglich, ob Quarantänemaßnahmen und Ausgehverbote für die gesamte Bevölkerung zielführend sind. Es gibt dafür jedenfalls keine wissenschaftliche Grundlage (s. EBM-Netzwerk März 2020), und nach einer Studie, die in der angesehenen Zeitschrift Science erschienen ist, haben die Maßnahmen nur einen sehr geringen Nutzen (Li R., Science 16.3.2020). Außerdem sie sind gesundheitsgefährdend, wie der Vorgänger des Virologen Christian Drosten an der Charité Berlin, Detlev Krüger, in einem Interview anführt: „Man darf Menschen nicht einsperren, wenn man Infektionsschutz betreiben will. Wenn man Leute einsperrt, ist das für ihre körperliche und psychische Konstitution katastrophal. Und beides wirkt ja in der Infektionsabwehr zusammen. Wir haben Studien darüber gemacht, inwieweit Stress die Empfindlichkeit gegenüber Virusinfektionen erhöht. Und konnten deutlich zeigen, dass das der Fall ist“ (Krüger 2020).

Manche Hochrechnungen prognostizieren eine zweite Erkrankungswelle im Herbst, selbst wenn die derzeitigen Maßnahmen drei Monate durchgehalten werden. Wiederholte Lockdowns mit einer Gesamtdauer von acht Monaten bis November 2021 werden diskutiert (Ferguson 2020). Welche Gesellschaft, welche Volkswirtschaft soll das durchhalten? Vielleicht orientieren wir uns da lieber an Immunologen, die ein baldiges Abflauen der Pandemie erwarten (Hockertz 25.3.2020).

Der deutsche Ethikrat gibt zu bedenken (Ethikrat 2020): „Systemgefährdungen durch die Beschränkungen lassen sich in nahezu allen gesellschaftlichen Teilsystemen prognostizieren… Vor allem zu befürchten ist aber ein Zusammenbruch des marktwirtschaftlichen Gesamtsystems… Die Rechtfertigung dieser Maßnahmen des Lockdowns bedarf von deren Einführung an und für jeden Zeitpunkt ihrer Dauer einer überaus komplexen Güterabwägung unter den Bedingungen von Unsicherheit.“ Der Ethikrat folgert: „Auch der gebotene Schutz menschlichen Lebens gilt nicht absolut. Ihm dürfen nicht alle anderen Freiheits- und Partizipationsrechte sowie Wirtschafts-, Sozial- und Kulturrechte bedingungslos nach- bzw. untergeordnet werden. Ein allgemeines Lebensrisiko ist von jedem zu akzeptieren.“

Effektiv und weniger riskant sind nach der Studie aus Science Quarantänemaßnahmen für alte Menschen und für Erkrankte einschließlich ihrer Familienmitglieder – eine einfacher durchzuführende Regelung ohne gravierende Folgen. Im Wortlaut des Ethikrats: „Entwicklung von effektiven und erträglichen Schutz-/Isolationsstrategien für Risikogruppen (Vorerkrankte, ältere Menschen) und in bestimmten Institutionen (etwa Einrichtungen der Alten- und Langzeitpflege).“

Auf Grund sensationsheischender Presseberichte (Kritik daran z.B. bei Frank G., 22.3.2020) wurden viele Bürger von Panik erfasst und treiben die Politiker zu immer drastischeren Maßnahmen, mit denen diese sich inzwischen gegenseitig überbieten. Panik ist jedoch kein guter Ratgeber, vor allem nicht in der Politik. Der Psychologe und Philosoph Prof. Harald Walach mahnt dringend zum „Abstand zur Panik“ (Walach,22.3.2020). Der Hamburger Immunologe Prof. Dr. Stephan Hockertz sagt: „Nicht das Virus macht uns krank – die Angst davor macht uns krank“ (Hockertz 25.3.2020).

In der aktuellen Hysterie besteht die Gefahr, dass mahnende Stimmen nicht wahrgenommen werden. Es könnte ja zum Beispiel sein, dass eine rasche Durchseuchung von Kindern und Jugendlichen die Epidemie schneller zum Abklingen bringt, ohne dass deshalb mehr Schaden angerichtet wird, wie es der Schweizer Infektiologe Prof. Pietro Vernazza zur Diskussion stellt (Vernazza 20.2.2020).

Der Corona-Lockdown setzt die wirtschaftliche Existenz unzähliger Menschen aufs Spiel, könnte unsere reiche Kulturlandschaft und Gastro-Szene zu Trümmerwüsten machen und längerfristig die Versorgung von kranken und alten Menschen gefährden. Der Epidemiologe Gérard Kraus sagt: „Wir wissen, dass zum Beispiel Arbeitslosigkeit Krankheit und sogar erhöhte Sterblichkeit erzeugt. Sie kann Menschen auch in den Suizid treiben. Solche Folgen kann man nicht so einfach direkt ausrechnen, aber sie finden trotzdem statt und sie können möglicherweise schwerwiegender sein als die Folgen der Infektionen selbst“ (ZDF 2020). John Ioannidis spricht sogar von möglichen Folgen wie Finanzkrise, Unruhen, Bürgerkrieg, Kriege und dem Zusammenbruch des sozialen Gefüges. Er meint: „Wenn wir uns entscheiden, von der Klippe zu springen, brauchen wir einige Daten, die uns über die Logik eines solchen Schrittes Auskunft geben und über die Chancen, irgendwo sicher zu landen“ (Statnews 17.3.2020).

Auch die zunehmende Außerkraftsetzung unserer Grundrechte muss hinterfragt werden. Die Juristin Jessica Hamed zählt in der Frankfurter Rundschau die zahlreichen Freiheitsgrundrechte auf, die durch die Maßnahmen verletzt werden (FR 26.3.2020). Selbst das Demonstrationsrecht wurde außer Kraft gesetzt – der letzte Hebel, den die Bürger noch haben, um ihre Meinung öffentlich auszudrücken. Es gibt sogar Versuche, die Meinungsfreiheit und die informationelle Selbstbestimmung zur Disposition zu stellen (siehe z.B. SPIEGEL Online 17.3.2020 oder Heise Online 25.3.20).

Mit deutscher Gründlichkeit und im Hauruck-Verfahren wurde Ende März 2020 das Infektionsschutzgesetz verschärft – wobei sich wohl viele gewundert haben, welche Einschränkungen schon nach der bisherige Gesetzeslage möglich waren. Gemäß der Novelle des Infektionsschutzgesetzes vom 25.3.2020 können die Gesundheitsbehörden künftig persönliche Daten von Reisenden erfassen und bei ihnen ärztliche Untersuchungen anordnen. Auch dürfen jetzt absolute Ausgangssperren verfügt werden (LTO 25.3.2020). Am problematischsten ist die Zusicherung zahlreicher Machtbefugnisse an das Bundesgesundheitsinisterium während einer „epidemischen Lage von nationaler Tragweite„(SZ 25.3.2020). Der Bundesbeauftragte für Datenschutz Ulrich Kelber sieht durch die Gesetzesnovelle Grundrechte in Gefahr (BFDI 24.3.2020).

Sind wir auf dem Weg in eine Gesundheitsdiktatur?

Wir müssen den Politikern genau auf die Finger schauen, wenn sie unter dem Eindruck von Ängsten in der Bevölkerung und dem Einfluss einiger weniger Virusspezialisten (Déjà-vu Schweinegrippe 2010: SZ 2010) mehr und mehr Einschränkungen unserer Grundrechte beschließen. Wir sind nicht China. Wir sind eine lebendige Demokratie, und wollen das auch bleiben. Daher brauchen wir dringend einen runden Tisch als Beirat und Kontrollgremium, bestehend aus aus gesellschaftlich relevanten und betroffenen Gruppen: Psychologen, Pädagogen, Soziologen, Allgemeinmedizinern, Elternverbänden, Gewerkschaftlern, Unternehmern, kulturellen Organisationen, Ethikern, Religionsgruppen etc.

Wichtig wären auch begleitende Studien zur gegenwärtigen Krise, etwa die Untersuchung der Häufigkeit von SARS-CoV-2 in der Gesamtbevölkerung, oder Querschnittsuntersuchungen mit Antikörpertests, um die tatsächliche Durchseuchungsrate zu erfassen (s. EBM-Netzwerk März 2020).

Was einstweilen tun? Einfach das, was für alle Atemwegsinfekte gilt:

  • Gehen Sie nicht wegen jedem Schnupfen oder Fieber zum Arzt. Bleiben Sie zuhause und rufen Sie erst mal an. Das schützt andere vor Ansteckung, egal mit welchem Virus. In keiner Arztpraxis gibt es genug Räume, um alle Erkrankten zu isolieren. Gehen Sie vor allem bei COVID-19-Verdacht nicht in eine Arztpraxis – sie wird bei einem positiven Virustest für mindestens zwei Wochen geschlossen.
  • Waschen Sie sich oft die Hände mit Seife, vor allem bevor Sie sich ins Gesicht (Auge, Mund, Nase) fassen.
  • Niesen oder husten Sie in ein Taschentuch und zur Not in die Ellenbeuge. Verzichten Sie auf Händeschütteln. Das Tragen von Schutzmasken wird nicht für sinnvoll gehalten (DEGAM Patienteninformation).
  • Besuchen Sie die Großeltern nur, wenn alle gesund sind, und waschen Sie sich und ihren Kindern vorher die Hände.
  • Und ein Tipp an alle Raucher: Wieder mal eine gute Gelegenheit, aufzuhören.

Der Labortest auf COVID-19 ist nur noch für Personen vorgesehen, die an einem Atemwegsinfekt (v.a. Husten und Fieber) erkrankt sind und Kontakt mit einem COVID-19-Patienten hatten oder einer Risikogruppe oder medizinischem Personal (zur Klärung der Arbeitsfähigkeit) angehören. Viele Ärzte, unter anderem der Bayerische Hausärzteverband, fordern ein Ende der „Testomanie“ (SZ 20.3.2020). Die dramatisch gestiegene Zahl an Infizierten, die Lieferengpässe bei Testmaterial und Schutzkleidung sowie die begrenzten Laborkapazitäten würden einen Kurswechsel unumgänglich machen.

Letztlich muss jeder, der möglicherweise Kontakt mit einem COVID-19-Erkrankten hatte, selbst entscheiden, ob er sich testen lassen will. Es gibt inzwischen sehr viele gesunde Menschen, die infektiös sind. Das Virus lässt sich nicht aufhalten, höchstens vorübergehend bremsen. Folgende Hotlines stehen zur Verfügung: Gesundheitsamt München Tel. 089/233 47 819 (8:30 – 15:00 Uhr), Landesamt für Gesundheit Bayern: Tel. 09131/6808-5101 oder bundesweit an die Notfallnummer 116 117. Auch das Bundesgesundheitsministerium hat ein Bürgertelefon eingerichtet: Tel. 030 346 465 100 (Montag bis Donnerstag 8 -18 Uhr und Freitag 8 -12 Uhr).

Einen guten und verständlichen Überblick über die Situation geben Prof. Dr. Harald Matthes und Dr. Friedemann Schad vom Krankenhaus Havelhöhe in Berlin (Themen der Zeit, 13.3.2020).